Adler, der Fährtenleser

Geschichte

In der Kreismitte befindet sich das rosa Indianerkind "Adler"

Heute ist ein warmer Tag. Viele Indianerfrauen sitzen vor ihren Zelten. Manche sitzen auch zusammen. Sie nähen neue Kleidungsstücke für ihre Familie. Die meisten Männer sind unterwegs und kommen erst in ein paar Tagen zurück. Sie jagen Büffel. Die Mädchen helfen ihren Müttern bei der Arbeit oder spielen mit ihren Puppen. Die Indianerjungen spielen auch. Einige spielen mit Murmeln im Schatten, andere versuchen, mit Pfeil und Bogen einen Ast zu treffen. Manche Kinder sind im Wasser und schwimmen um die Wette. Alle sind beschäftigt. Jeder hat zu tun.

Adler hockt hinter einem Tipi auf dem Boden. Er schaut auf die Erde. Sein Freund Kleiner Hase sieht ihn und grinst über beide Backen: "Was hast du denn jetzt schon wieder entdeckt?" fragt er neugierig. "Pssst - nicht so laut!" sagt Adler, "irgendetwas war heute Nacht bei uns. Siehst du die Spur?" Kleiner Hase hockt sich neben Adler. Tatsächlich! Er sieht auch die Tierspur. "Schau mal, das Tier muss verwundet sein." sagt Adler. "Wie kommst du denn darauf?" fragt Kleiner Hase. "Schau einmal genau hin; es sind immer drei Pfotenabdrücke hier. Welches Tier hat nur drei Pfoten? Gar keins. Entweder läuft ein Tier auf vier Pfoten oder auf zwei." Adler ist ganz schön schlau. Seit er selber laufen und sprechen kann, beobachtet er Tiere und deren Spuren. Diese Spur kommt ihm bekannt vor. Er weiß aber nicht ganz genau, von welchem Tier die Abdrücke sind. "Hm - jeder Pfotenabdruck hat fünf Zehenabdrücke. An deren Enden sieht es so aus, als wenn das Tier starke Krallen hat. Die Vorderpfote sind breit und kurz, die Hinterpfote sehr lang." brummelt Adler vor sich hin. "Schau mal, es sind zwei verschiedene Vorderpfoten hier, eine rechte und eine linke. Aber nur eine Hinterpfote, nur eine rechte! Bestimmt ist das Tier an seiner linken Hinterpfote verletzt!" verkündet Adler stolz. Es fällt ihm immer noch nicht ein, wann und wo er solche Spuren schon einmal gesehen hat. Adler und kleiner Hase folgen den Spuren. Leider kommen unsere beiden Indianer nicht weit. Am Wasser enden die Fährte. Es sind auch schon viele andere Indianerkinder und -frauen über die Spuren gelaufen, so dass sie sehr verwischt sind. "Wir können heute nichts mehr machen," sagt Kleiner Hase: "komm, wir schauen morgen nach, ob das Tier heute Nacht wieder da gewesen sein wird und spielen jetzt mit den anderen das Mokassin-Spiel." "Okay!" Widerwillig geht Adler mit.

Bis zum Abend spielen die Kinder das Mokassinspiel. [Sie sitzen in zwei Reihen gegenüber. Vor jedem Indianerkind steht sein paar Mokassin. Ein Spielführer gibt einem Mitspieler einen Stein in die Hand. Während des Spiels schlägt der Spielführer auf seiner Trommel. Der Stein geht versteckt hinterm Rücken von einer Hand zur nächsten Hand, bis die Trommel plötzlich leise ist. Die Hände kommen blitzschnell nach vorne. Derjenige, der den Stein hat, lässt diesen schnell und heimlich in sein Mokassin fallen. Einer aus der gegnerischen Reihe darf raten, wo der Stein ist. Hat er richtig geraten, bekommt er ein rotes Stäbchen (Coup). Das Spiel geht abwechselnd immer weiter. Jede Partei ist mal dran.] Sie spielten viele Runden. Die Mannschaft, in der Adler und Kleiner Hase gewesen sind, hat verloren. "Schade", sagt Kleiner Hase: "wir haben nur vier Coups, die anderen hatten zehn!" "Was sagst du?" Adler hört gar nicht zu. Wieder denkt er an die Tierspur. "Ach, vergiss es." Kleiner Hase rennt zu seinem Tipi.

Es wird Abend und auf dem Zeltplatz wird es ruhig. Es ist dunkel, der Mond scheint und alle schlafen tief und fest. Kleiner Hase ärgert sich im Schlaf, dass er beim Mokassinspiel verloren hat. Adler träumt von Hasenspuren, Büffelspuren, Schlangenspuren, Mäusespuren, Vogelspuren und Insektenspuren. Er schläft sehr unruhig.

Aaaaaaaahhhhhhh - ein lauter Schrei! Mit einem Mal sind alle hellwach und stürzen nach draußen. Etwas großes rennt schnell, brüllend weg. "Ein Bär!" jetzt fällt es Adler wieder ein: "Ein Bär! Es sind Bärenspuren." Auf dem ganzen Platz herrscht Aufregung. Eine alte Indianerfrau berichtet: "Es riss mich aus dem Schlaf. Es kaute und schmatzte. Schaut, es war in meiner Speisekammer. Es hat an meinem Fleischvorrat gefressen." Nein, die Frau hatte nicht gesehen, was es war. Sie hat nur etwas gehört und laut geschrieen. Das Tier ist sofort ängstlich weg gerannt.

Adler schaut sich um. Kleiner Hase huscht zu ihm rüber. "Das war ein Bär." sagt Adler. Kleiner Hase bekommt große Augen: "Was macht der bei uns?" "Sieh genau hin; wieder nur eine Hinterpfote und zwei Vorderpfoten! Der Hunger treibt ihn zu uns. Er ist zu langsam, sich selber sein Fressen zu jagen." Besorgt haben sich alle Indianerfrauen mit ihren Kindern wieder ins Zelt zurück gezogen. Adler berichtet seiner Mutter Tulpe von dem Bären. Tulpe hat eine Idee. Am nächsten Morgen geht sie zur Schamanin (einer Medizinfrau) Lilie. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus.

In der nächsten Nacht liegen alle auf der Lauer. Niemand möchte sich gerne sein Essen wegfressen lassen. Irgendwann kommt der Bär wieder ins Lager. Schnell werfen die Frauen ein Netz über ihn und haben ihn gefangen.

Natürlich tobt der Bär, aber er ist noch nicht ausgewachsen und kann von den vielen Frauen festgehalten werden. Lilie schaut sich seine verletzte Pfote an. "Das sieht gar nicht gut aus. Der Arme!" Lilie eilt in ihr Zelt und kommt mit einer Kräutermischung wieder. Diese legt Lilie auf die kranke Bärenpfote. "Jetzt wird die Wunde schnell heilen!" sagt Lilie. "Dann kann er sich wieder selber sein Futter besorgen und lässt uns unseren Frieden."

Am Morgen kommen die Indianermänner von der Jagd heim. Stolz berichtet Tulpe Adlers Vater Büffel von der letzten Nacht und den scharfen Augen von Adler. Büffel ist mächtig stolz auf seinen Sohn: "Aus dir wird einmal ein großer Kundschafter, so wie du die Fährten lesen kannst!"

Adler wird nach Beendigung der Geschichte zum Tipi gestellt. Zum Ausklang kann das Mokassinspiel mit allen Kindern gespielt werden.